„Still endlich ab, damit dein Kind schläft“.

"Wenn du die Flasche gibst, wird es länger schlafen“.

„Lass es mal weinen, dann wird’s nicht immer nach der Brust verlangen.“


Ja, mit genau solchen Aussagen werden Mütter konfrontiert. Nämlich genau dann, wenn sie am müdesten sind, wenn sie sagen, dass sie richtig erschöpft sind.

Wenn Kaffee nicht mehr reicht und das Make-Up keine Augenringe mehr verstecken kann.

Müde vom Muttersein, Müde vom Vollzeitjob Stillen oder Müde vom Entwicklungsschub, Zahnen oder irgendeinem anderen Grund.


Ist Stillen nun wirklich schuld an dem Schlafverhalten des Kindes?

Beeinflusst Stillen das Schlafen?

Wird das Kind wohl je alleine ein- und auch durchschlafen?


Dazu ist es wichtig, sich das physiologische, evolutionär geprägte (!) Schlafverhalten von Säuglingen und Kindern anzusehen, unabhängig der Ernährung.


Das Schlafverhalten des Kindes ist mitunter die größte Sorge von jungen Eltern. Die Erwartung, dass das Kind mit ein paar Monaten alleine ein- und durchschläft. Am Besten im eigenen Zimmer.

Hier wird von der Wissenschaft und Forschung genau das bewiesen, was es ist: normal, physiologisch und entwicklungsentsprechend. Häufiges Aufwachen ist wichtig und richtig – das Gehirn beispielsweise braucht auch nachts Laktose um zu reifen.


Das kindliche Schlafverhalten ist ein physiologischer und emotionaler Reifeprozess mit einer Dauer von etwa drei Jahren. Daraus lässt sich schließen, dass häufiges nächtliches Aufwachen keine Schlafstörung ist, sondern die Norm.

Unsere Säuglinge sind, evolutionär geprägt, Steinzeitbabys, und diese brauchen zum Schlafen banale Dinge wie zum Beispiel Wärme, Körperkontakt, Sicherheit, Nahrung und Zuwendung – das ist alles! In der Steinzeit war es notwendig, dass unsere Babys bei den Erwachsenen, in einer Gruppe schlafen. Alles andere wäre ihr sicherer Tod gewesen – Kälte, Nahrungsverlust oder leicht gefundenes Fressen für den Säbelzahntiger, so ein Bündel Menschenkind mit 3500g auf 52cm.

Babys und Kleinkinder sind schutzbedürftig und auf unsere Obhut angewiesen, ansonsten ist die Überlebenschance gleich Null. Mehrere Jahre Tragen und Stillen sind hier die Norm gewesen. Diese Norm erwarten auch unsere Babys – nicht wissend, dass in unseren vier Wänden weder der Säbelzahntiger noch nächtliches Erfrieren droht. Stillen bietet höchste Sicherheit: Körperkontakt, Wärme, Schutz und Nahrung.



Einschlafstillen entspricht der evolutionsbedingten „Programmierung“ unserer Kinder. Sogenanntes Breastsleeping ist die älteste und erfolgreichste Schlafgewohnheit des Menschenkindes. Die beiden Komponenten Schlafen und Stillen sind nahezu unzertrennlich bei unseren Kleinsten.


Stillen reguliert die Kinder, Stillen entspannt die Kinder und Muttermilch fördert, auf Grund der Inhaltsstoffe, das Einschlafen. Einer dieser Stoffe ist beispielsweise Tryptophan, welches zu Melatonin umgebaut wird. Einschlafstillen bzw. Breastsleeping unterstützt, bedingt durch die hormonelle Situation, auch das mütterliche Schlafverhalten.


«Eine prompte Bedürfnisbefriedigung ist nicht mit dem Verwöhnen im negativen Wortsinn gleichzusetzen. Feinfühligkeit unterscheidet sich von Verwöhnen und Überbehüten dadurch, dass feinfühlige Eltern ihr Kind in seiner zunehmenden Selbständigkeit und seiner wachsenden Kommunikationsfähigkeit fördern. (...) Säuglinge und Kleinkinder können die Befriedigung ihrer Bedürfnisse noch nicht selbst steuern und sind von der Ko-Regulation (Hilfe beim Beruhigen und Aushalten unangenehmer Emotionen, d.V.) ihrer Bindungs- und Pflegepersonen abhängig. (...) Die Fähigkeit zur Selbstregulation wird durch vielfältige Erfahrungen der Ko-Regulation durch die Bindungspersonen gelernt. (...) Bleibt die Ko-Regulation aus und der panisch schreiende Säugling sich selbst überlassen, kann sich das negativ auf seine Gehirnentwicklung auswirken. In den ersten Lebensjahren bilden sich das Urvertrauen und das Selbstwertgefühl. Man kann den Säugling aus dieser Sicht heraus gar nicht verwöhnen.» (https://sicherebindung.at/angst.htm)


Wir wissen mittlerweile auch, dass befriedigte Bedürfnisse verschwinden, nicht befriedigte jedoch ein Leben lang erhalten bleiben. Das Kind schreien zu lassen verursacht Traumata: Es schadet dem Gehirn, wenn das Kind immer und immer wieder schreien muss, damit seine Bedürfnisse befriedigt werden. Bedingungslose Zuwendung macht sichere Erwachsene, soziale, stressresistente Menschen.


Die Vorteile des nächtlichen Stillens lassen sich nicht leugnen:

  • Unterstützt die Bindung

  • Fördert die Milchmenge und das Gedeihen

  • Wirkt sich positiv auf das Schlafverhalten von Kind und auch der Mutter aus

  • Kinder sind durch die Muttermilch gesünder

  • Unterstützt das optimale Wachstum des Menschenkindes

  • SIDS-Risiko wird durch Stillen & gemeinsames Schlafen um die Hälfte gesenkt (Plötzlicher Kindstod (mediz: Sudden Infant Death Syndrome, SIDS) heißt, dass ein Kind plötzlich und unerwartet verstirbt. Bei diesem tragischen Tod eines scheinbar gesunden Säuglings oder Kleinkindes sprechen Ärzte auch vom „Sudden Infant Death Syndrome“, kurz SIDS)


Nächtliches Stillen ist keine schlechte Angewohnheit oder gar ein Verwöhnen, es ist artgerecht, richtig und wichtig.


Es ist in Ordnung, nachts abzustillen, trotz aller obig genannten Vorteile und positiven Eigenschaften. Wenn die Erschöpfung zu groß ist und alle Alternativen ausgeschöpft wurden. Das Schlafverhalten wird sich dadurch wenig ändern, vielleicht aber die Sicht darauf, wenn man als Elternteil wieder mehr Schlaf bekommt.

Die offizielle Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation empfiehlt das Stillen auf jeden Fall bis zum vollendeten 2. Lebensjahres des Kindes.

Oftmals müssen nach dem Abstillen andere Alternativen zum Ein- und Weiterschlafen her, zum Beispiel Tragen, Singen oder Schaukeln und Wippen. Eine Co-Regulation bzw. eine Einschlafbegleitung ist weiterhin notwendig.

Ein Entwicklungsschritt, welcher nicht vom Kind initiiert wird, sondern von den Eltern, verläuft erfahrungsgemäß nicht problemlos. Vielmehr werden in diesem Fall ganz oft und ganz stark die Gefühle, die Trauer, der Zorn, die Wut und der Frust kommuniziert. Umso jünger das Kind, umso schwieriger gestaltet sich das nächtliche Abstillen. Klare Entschiedenheit, klare Kommunikation, ein geeigneter Zeitpunkt und alternative Einschlafhilfen sind grundlegend für ein Gelingen.


Einschlafstillen und nächtliches Stillen sind keine schlechten Angewohnheiten. Das Kind darf dadurch Wunderbares lernen: Entspannt und sicher in den Schlaf zu finden, das hat auch im weiteren Leben zentrale Bedeutung. Stillen unterstützt die Bindung, Stillen macht gesund und glücklich.


Zum Thema Verwöhnen: gibt es ein Zuviel an Liebe, ein Zuviel an Nähe, Sicherheit oder Geborgenheit? Wohl kaum, aber ein ganz großes Zuwenig an all dem.


„Siehst Du mich – und meine Welt?“ fragt das Kinderherz in Millionen Sprachen und Momenten (FamilienLiebe)


Keep calm & breastfeed your Baby


Weitere Beiträge zum Thema Stillen:

"Die psychologischen Wirkungen von Stillen oder Fläschchengeben"



Autorin:

Natalie Weinbauer

Still & Laktationsberaterin IBCLC in freier Praxis,

DGKPP, Mutter von zwei zauberhaften Seelchen

www.behutsamstillen.at




Quellenangaben:


Bildquelle:

Gudrun Marth, diestillustratorin

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen